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Zwischentöne - leise Farbkonzepte in der (Innen-)Architektur

25. Juni 2024

Farbe wird als architektonisches Gestaltungsmittel häufig mit „bunt“ assoziiert und gilt somit nicht als zeitlos und seriös. In der Praxis wird die Farbe daher oft vernachlässigt. Zwischen farbintensiven und gängigen unbunten Konzepten gibt es jedoch eine Vielfalt an Möglichkeiten, die Architektur abhängig von Proportion, Oberflächen, Lichtverhältnissen und Nutzung mit sanften Tönen zu stärken.

 

von Julia Hausmann

„Bunt ist meine Lieblingsfarbe“

Walter Gropius, Architekt und Gründer des Bauhauses

 

Oft heißt es, Architekt:innen können nur Schwarz-Weiß. Es ist richtig, dass die Farbgestaltung im Hochbaustudium im Allgemeinen einen deutlich zu niedrigen Stellenwert hat und sich besonders in Deutschland daher viele Kolleg:innen nicht an das Thema Farbe herantrauen. Somit werden neben den materialbezogenen Farbpaletten häufig neutrale Schwarz- und Weißtöne verwendet, die sich auf dem Markt durchgesetzt haben, wobei oft nur eine kleine Nuance des gewählten Farbtones für die Architektur schon einen Mehrwert bedeutet. In der Innenarchitektur wird das Thema Farbe differenzierter betrachtet und wir haben in den vergangenen Jahren beobachten können, wieviel mutiger die Farbgestaltungen in den Innenräumen wurden. Aber auch hier spielen die leisen, unbunten Konzepte eine wichtige Rolle.

 

Das Wort »chromatisch« stammt aus dem Griechischen und bedeutet »bunt«. Zu den chromatischen (also bunten) Farben zählen somit Töne mit einer hohen Farbsättigung, wie z.B. ein leuchtendes Gelb, Rot, Blau oder Grün. Das Gegenteil sind also die achromatischen Farben, die weder einen bestimmten Farbton noch eine Sättigung aufweisen, so wie Schwarz, Weiß und sämtliche Grauschattierungen dazwischen. Aber was sind nun Zwischentöne, wie niedrigchromatische (niedrigbunte) Farben und warum sind sie momentan so gefragt?

 


Die Berliner Grüntuch Ernst Architekten transformierten den denkmalgeschützten Backsteinbau eines ehemaligen Frauengefängnisses in eine ruhige Oase. Helle Farben schaffen in dem Charlottenburger Hotel nun eine Atmosphäre der Kontemplation und des Rückzugs.
© Wilmina | Foto: Robert Rieger


Wir bewegen uns in einer Welt voller visueller Reize, die im Gehirn verarbeitet werden wollen, schließlich liefert der Sehsinn rund 80 Prozent aller Informationen aus unserer Umwelt. Ist es da nicht eine logische Konsequenz dass wir uns in manchen Bereichen nach etwas mehr optischer Ruhe sehnen? Die sogenannten „Neutrals“, also sehr sanfte, von der Natur inspirierte Farben sind Weiß-, Sand-, Blau -, Grün-, Grau- und Erdtöne mit wenig Farbsättigung. Diese Nuancen ergeben im ausgewogenen Zusammenspiel ein harmonisches Ganzes und wirken besonders schön mit entsprechenden Kontrasten, die als Akzentfarben eingesetzt werden.

 

Gute und ganzheitliche Farb- und Materialkonzepte entstehen, wenn diese zu einem frühen Zeitpunkt innerhalb der ersten Leistungsphasen mitgedacht werden. In der deutschen Sprache differenzieren wir leider nicht zwischen dem Anstrichmittel und der Farbwirkung des Materials (der Oberfläche), wie beispielsweise im niederländischen Sprachraum mit „verf „ und „kleur“ oder auch im Englischen mit „paint“ und „colour.“ Somit ist die Kommunikation über Farbe hierzulande etwas schwieriger, zumal selbst im Bezug auf die Beschichtung oft nur die Farbnuance gemeint ist. Dabei ist das Anstrichmittel mit seinen entsprechenden Funktionen in Verbindung mit den Anforderungen und dem jeweiligen Untergrund ein wichtiges Baumaterial. Spannend ist die Kombination von Anstrichen und Materialfarben, die je nach Oberfläche auch entsprechend überarbeitet und nuanciert werden können.

 


Das Schwedische Note Design Studio schafft unter dem Projekttitel „Habitat 100“ atmosphärische Wohnräume mit wertigen Oberflächen und sanften Farbklängen.
© Foto: Irina Boersma César Machado

 

In der Tradition der leisen Farbkonzepte sehen sich beispielsweise Pritzker-Preis-Träger Sir David Alan Chipperfield, der englische Architekt und Fotograf John Pawson oder auch der belgische Kunstsammler und Interior Designer Axel Vervoordt. In den Projekten der drei genannten Planer entsteht das architektonische Spannungsfeld durch den souveränen Umgang mit Struktur, Material, Farbe und Licht, so dass wunderbar atmosphärische Räume entstehen.

 

Die Projekte der mexikanischen Architektin Tatjana Bilbao, in denen die historische Kultur und Bautraditionen Mexikos erforscht werden, entstehen häufig in Kooperationen mit Landschaftsarchitekt:innen und Künstler:innen, die das Thema „Landschaften“ übergeordnet in den ökologisch und sozial geprägten Arbeiten verankern. Durch die Verwendung entsprechend nachhaltiger Materialien haben die Bauten und Konzepte der Stadtlandschaften bis hin zur „inneren Landschaft“ des einzelnen Gebäudes in ihrer Materialsichtigkeit ebenfalls naturbezogene, sanfte Farbgebungen und eine ganz besondere Ästhetik.

 


Tatiana Bilbao Estudio erforscht und interpretiert historische Baukulturen und die lokalen Bautraditionen ihres Heimatlandes,  wie beispielsweise die Verwendung von Stampflehm oder kostengünstigen alltäglichen Materialien.
Abbildung: „Ways of Life project“ in Scheid am Edersee,  © Tatiana Bilbao ESTUDIO 

 

Im Zuge des klimagerechten Bauens werden sich zukünftig auch in Europa ökologische sowie
 traditionelle Baumaterialien wie Myzel, Algen und Lehm mit ihren entsprechenden handwerklich verarbeiteten Oberflächen stärker durchsetzen, die vermutlich eine neue Definition von „Schönheit“ und neue Farbigkeiten mit sich bringen. Was die Anstrichmittel betrifft, gewinnen die wohngesunden Farben wie Lehm-, Kalk-, Kreide- und Silikatfarben an Bedeutung. Auch wenn sie aufgrund ihrer Materialeigenschaften ein nicht ganz so weites Spektrum haben wie so manch eine industriell hergestellte Dispersion, bringen die Oberflächenqualitäten dieser Farben in jedem Fall einen Mehrwert mit sich.

 

Elementar wichtig für die Farbgestaltung und die Farbkommunikation im Planungsteam oder auch mit den Auftraggeber:innen ist die Verwendung von material- und herstellerunabhängigen Farbsystemen, wie dem RAL DESIGN SYSTEM plus, dem NSC Natural Color System oder auch dem vor allem in den USA und Japan verwendeten Munsell Color Order System, in denen jeder Farbton je nach Buntton, Helligkeit und Sättigung verankert ist. Diese Anordung im dreidimensionalen Farbraum wird innerhalb des jeweiligen Farbsystems mit einem entsprechenden Code gekennzeichnet, welche die Eigenschaften der Nuance beschreiben. Gerade im Umgang mit den niedrigbunten Farben gibt es hier im Bereich der Grauachsen sehr feine Abstimmungen. In der Praxis liegt es teilweise also auch an den fehlenden Tools innerhalb der Planungsbüros, dass die Vielfalt der leisen Töne nicht ausgeschöpft wird. Die Investition für die entsprechenden Werkzeuge zur sorgfältigen Farbplanung lohnt sich - auch für lautere Konzepte.

 


Das RAL DESIGN SYSTEM plus ist ein Farbsystem, in welchem die Farben anhand von 39 Bunttönen sowie einer Grauachse sortiert und in den Dimensionen Helligkeit und Buntheit fein abgestuft sind. Jeder Farbton wird durch einen 7-stelligen RAL Code sowie einen einzigartigen, assoziativen Farbnamen eindeutig gekennzeichnet.
© RAL Lightness Modell_ RAL g



Das Natural Colour System brachte im vergangenen Jahr 100 neue Standardfarben mit geringem Buntanteil (im dreidimensionalen Farbkörper sind dies Farben, die nah an der Grauachse liegen) heraus, welche momentan zu den gefragtesten Nuancen des Systems gehören. 
© NCS – Natural Colour System® 



Mit einem flexiblen Raum-in-Raum-System in dezenten Farben sorgt die Stuttgarter Ippolito Fleitz Group (Identity Architects) im Projekt Baumhaus - Neue Arbeits­welt der HassiaGruppe für Zonierung in einer Arbeitslandschaft, in der es für jede Aufgabe den passenden Ort gibt.
© Philip Kottlorz/ Das Baumhaus – Neue Arbeitswelt der HassiaGruppe 

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