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29. April 2021

Ein ambitioniertes Projekt in Berlin will die Kreuzberger Mischung in die Höhe treiben

 

Von Falk Jaeger

 

Berlin-Kreuzberg ist ein besonderes Pflaster. Ein sozialer Brennpunkt, politisch aktiv, mit bunt gemischter, aufmüpfiger Bewohnerschaft, gentrifizierungsfeindlich. Der Bezirksbaustadtrat aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen verfolgt eine linke Baupolitik und liegt sich ständig mit Investoren, Baugesellschaften und der zentralen Senatsverwaltung in den Haaren.

 

In diesem aufgeheizten Klima ein Hochhaus zu planen, Sinnbild der kapitalistischen Immobilienwirtschaft und der Gentrifizierung, ist ein besonderes Wagnis. Es genügte daher nicht, ein übliches Kommerzprojekt mit ein paar Slogans als grünes Projekt zu verkaufen.

 

 

Geplant ist ein 29 Stockwerke hoher Turm in der Nachbarschaft des Landwehrkanals, der Veranstaltungshalle Tempodrom (gmp) und der Ruine des Anhalter Bahnhofs (die von Dorte Mandrup zum Exilmuseum erweitert wird). Einen vom Projektentwickler UTB ausgelobten Wettbewerb haben Mad Oslo AS und die Landschaftsarchitekten Mud AS aus dem norwegischen Bergen mit dem „WoHo“ gegen namhafte Konkurrenz gewonnen.

 

Das Wohnhochhaus soll mit 98 Metern das höchste Holzgebäude Deutschlands werden. Im Unterschied zu monofunktionalen Büro- oder Wohnhochhäusern soll der Turm mit seinen drei begleitenden Sockelbauten als „vertikales Stadtquartier“ funktionieren, ungefähr so, wie es sich Rem Koolhaas 1978 in seiner programmatischen Schrift „Delirious New York“ erträumt hat.

 

 

Im Angebot sind neben 60% Wohnungen auch 25% Gewerbeflächen und15% Bildungseinrichtungen. Dabei schwingt die Hoffnung mit, die lebendige historische „Kreuzberger Mischung“, die auf dem Rückzug ist, reproduzieren zu können. Eine urbane Mischung aus Wohnen und Arbeiten, aus Gemeinschaftsräumen, sozialer Infrastruktur, aus Handwerksbetrieben, Gastronomie, Menschen verschiedenster Herkunft und sozialer Stellung. Die Höfe und Passagen sowie die Dachlandschaft und die öffentliche Treppe hinauf sollen mit Aufenthalts- und Spielflächen „programmiert“ werden.

 

Ein weiteres Manko des gängigen Wohnungsbaus soll vermieden werden. Während die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften kostengünstig normierte Wohnungen in großer Zahl produzieren und private Investoren ebenso einförmige Standardappartements auf den Markt werfen, die ihnen zu fast jedem Preis abgenommen werden, gibt es demgegenüber Bedarf an flexiblem Wohnraum, für Senioren-Wohngemeinschaften und Patchwork-Familien, für Homeworking und Inklusion, für Wohncluster die sich nach Bedarf vergrößern oder verkleinern lassen.

 

 

WoHo soll diese unterschiedlichen Angebote machen, an Studenten und Normfamilien, an Alleinerziehende, Demenzkranke und für betreutes Wohnen. Gemeinsame Loggien und Gemeinschaftsterrassen sollen das Zusammenleben stimulieren. Es gibt staatlich geförderte und genossenschaftlich organisierte Wohnungen sowie auch freifinanzierte Eigentumswohnungen, kurzum das gesamte Spektrum, das großstädtisches Wohnen ausmacht und zu einer lebendigen sozialen Mischung führen soll. Insgesamt seien die Grundrisse aber noch zu konventionell und zu wenig innovativ, wie die Jury anmerkte.

 

Konstruktiv ist das Projekt zweifellos auf der Höhe der Zeit. Bis auf die Betonkerne mit den Erschließungselementen handelt es sich um ein Holzständerwerk aus dem Baukasten als nachhaltige Bauweise mit neuesten Standards an ökologischen Kennwerten. Die Fassadenmodule sind zwar standardisiert, jedoch in wechselnden Kombinationen eingesetzt, was zu einem abwechslungsreichen Fassadenbild führt und das Gebäude unzweifelhaft als Wohnungsbau zu erkennen gibt.

 

 

Der Auslober sieht sich nun vor der Aufgabe, die Hinweise und Ratschläge der Jury zu verfolgen und die Qualitäten im Bereich der Grundrisse und Planung der öffentlichen Bereiche weiterzuentwickeln. Zudem gilt es, den Bau insgesamt, im Besonderen aber die differenzierte Fassade in konstruktiver und brandschutztechnischer Hinsicht genehmigungsfähig zu machen.

 

„Der aktuelle Entwurf der Architekten zeigt plakativ, was in anderen Ländern Europas bereits heute möglich und machbar ist“, heißt es vonseiten des Auslobers. Er sieht seine Pläne und Ansprüche mit dem Wettbewerbsergebnis bestätigt. Das nährt die Hoffnung, dass das ambitionierte, technisch wie sozial, aber auch gestalterisch ungewöhnlich innovative Projekt des „vertikalen Stadtquartiers“ ohne größere Abstriche realisiert werden wird.

 

 

 alle Bilder: © Mad Arkitekter

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